Donnerstag, 23. Januar um 20:30 Uhr

Roland Reuß FORS – Der Preis des Buches und sein Wert Vortragsveranstaltung mit anschließender Diskussion

In seinem gerade erschienenen Essay setzt Roland Reuß seine profunde Verteidigung des Buches und unserer Buchkultur fort. Er führt uns in die Gedankenwelt des englischen Kunsthistorikers und Sozialreformers John Ruskin (1819-1900). Von Januar 1871 bis März 1878 hat John Ruskin insgesamt 96 Briefe, jeden Monat einen, an seinem jeweiligen Aufenthaltsort verfasst und zu einer Druckerei in England gesandt. Dort entstanden aus den Briefen, adressiert an die “Workmen and Labourers of Great Britain“, 96 Bände in Oktavfomat mit dem Titel „Fors Clavigera“. Ruskin betrat mit dieser Reihe nicht nur sprachlich Neuland. Kühn war an seiner work in progress auch, dass sie sich programmatisch jeder Art von Werbung verweigerte. In einer Auflage von 1.000 bis 1.050 Exemplaren wurden die Bücher zu einem festen, im ganzen Land gültigen Preis zum Kauf angeboten. Damit war die Buchpreisbindung erfunden.

Die Gedanken, die Ruskin dabei leiteten und die in England schließlich in das berühmte Net Book Arrangement (1900) einmündeten, sind von aktuellem Interesse und politischer Brisanz. Gekoppelt sind Ruskins Vorstellungen vom Wert des Buchs an eine bestimmte Konzeption von produktiver Arbeit ('labour'), die einerseits über Schüler Ruskins in die Gründungsurkunden der Labour-Party einflossen und andererseits durch William Morris und Ezra Pound vermittelt in die moderne Dichtung Eingang gefunden haben.

Der Essay von Roland Reuß folgt diesen Spuren und konfrontiert, das Buch als Gut preisend, die von Ruskin beschriebenen Konzeptionen kultureller Arbeit und kulturellen Werts mit den gegenwärtigen Tendenzen, das Buch 'wie alles andere, den Menschen inklusive' nur noch als Ware anzusehen. Der Sinn der (noch) aktuellen Rechtslage in Deutschland, den Preis des Buches eben nicht über das Gesetz von Angebot und Nachfrage zu bestimmen, wird freigelegt. Zugleich wird an diesem Beispiel gezeigt, dass nicht alle Wertfragen über den Markt entschieden werden können. Wie wichtig das Buch gerade heute ist und dass es sich nicht durch digitale Medien ersetzen lässt, warum das Buch ein Garant nicht nur für die Freiheit der Lehre und Forschung ist, dass Bibliotheken Eckpfeiler unserer Demokratie sind, und wie unsere Freiheit von global agierenden IT-Konzerne bedroht wird, können Sie in dieser Veranstaltung erfahren.


Roland Reuß lehrt Literatur- und Editionswissenschaft in Heidelberg. Er gibt zusammen mit Peter Staengle die Historisch-Kritische-Franz Kafka-Ausgabe bei Stroemfeld heraus. 2012 erschien im gleichen Verlag „Ende der Hypnose“ -  Vom Netz zum Buch. 2009 initiierte Roland Reuß den Heidelberger Appell. Dieser wendet sich gegen die Digitalisierung urheberrechtlich geschützter Werke durch die Firma GOOGLE und gegen OPEN ACCESS.