Josef Haslinger, Jáchymov

 

S.Fischer Verlag, 2011, 275 Seiten, 19,95 €


Titelgebend für Josef Haslingers neues Buch ist ein Ort im tschechischen Erzgebirge. Im Mittelalter war St. Joachimsthal ein bedeutender Ort des Silberbergbaus, Prägeort des Joachimstalers, dem Namensgeber des Talers und damit letzthin später auch des Dollars. Ende des 19. Jahrhunderts konnte Marie Curie aus der Pechblende von St. Joachimsthal das Element Radium isolieren. In St. Joachimsthal entstand auch das erste Radiumheilbad der Welt. Neben dieser gibt es aber auch eine dunkle, kaum bekannte Geschichte des Ortes, die nach dem 2. Weltkrieg begann. Jáchymov war ein tschechischer Gulag, ein Zwangs-arbeitslager, in dem politische Häftlinge sich für die sowjetische Atomindustrie zu Tode schufteten. Und politische Gefangene gab es nach der endgültigen Machtübernahme durch die Kommunistische Partei 1948 mehr als genug.

Die Hauptperson in Haslingers Buch ist der legendäre Eishockey-Torhüter Bohumil Modrý. Zweifacher Weltmeister und Idol der jungen tschechischen Nation, wurde er wie der Rest der Mannschaft 1950 wegen Hochverrats und Störung der sozialistischen Staatsordnung zu einer drakonischen Gefängnisstrafe verurteilt. Nach entsprechenden Gerüchten befürchtete das Kommunistische Regime, dass die erfogreiche Mannschaft von einem Auslandsaufenthalt nicht mehr zurückkehren und so das Land in der Hochphase der Ost-West-Konfrontation blamieren würde. Mit dem Schauprozess sollte ein Exempel statuiert und gleichzeitig die Bevölkerung eingeschüchtert werden. Als von der Staatsmacht zum Rädelsführer Erklärten bekam Modrý mit 15 Jahren das härteste Strafmaß. Nach 5 Jahren Zwangsarbeit im Uranbergbau in Jáchymov wurde er zwar amnestiert, jedoch nicht rehabilitiert. 1963, erst 47 jährig, starb er den qualvollen Tod eines Strahlenopfers.

Die Idee für seinen dokumentarischen Roman, sagte Haslinger in einem Interview, bekam er bei einer Begegnung mit Blanka Modra, der Tochter des Regimeopfers. Jáchymov ist ein Buch mit vielen Facetten: es ist die spannende Biographie eines aufrechten, frei denkenden Mannes und überragenden Sportlers, ein interessanter Einblick in die Geschichte des tschechischen Eishockeys der 1930er/40er Jahre, aber auch ein Lehrstück in Sachen Menschen verachtender stalinistischer Paranoia und ihrer Konsequenzen, nicht allein für die direkt Betroffenen, sondern für die ganze Gesellschaft.

Übrigens strahlen noch heute die Abraumhalden der Uranminen in der Gegend um Jáchymov so stark, dass im Winter kein Schnee auf ihnen liegen bleibt.


Empfohlen von Ralph Wagner