Milena Michiko Flašar
Ich nannte ihn Krawatte

 

Wagenbach 2012, Roman,
139 Seiten, € 16,90

Zwei Jahre lang hat sich der 20jährige Taguchi Hiro vor der Außenwelt abgeschottet und sich „darin geübt, das Sprechen zu verlernen“. Alle Sehnsüchte abzutöten hat er aber nicht geschafft, und so verlässt er voller Ängste und Vorbehalte an einem Wintermorgen sein Elternhaus nach so langer Zeit zum ersten Mal. Zögerlich beginnt Hiro mit seinem „ersten Freigang“, versucht Blickkontakte und zufällige Berührungen mit anderen Passanten zu vermeiden, möchte nach wie vor für sich sein. Bereits nach kurzer Zeit ist er jedoch von den Eindrücken und Geschehnissen so überwältigt, dass er ihnen nicht mehr standhalten kann und in die Stille eines Parks flüchtet. Eine Bank wird für ihn zur Rettungsinsel im Meer der Sinneserlebnisse. Dennoch treibt es ihn in den folgenden Monaten jeden Morgen wieder hinaus. Im Park, auf seiner Bank, bleibt er für sich und beobachtet das Geschehen.

Eines Morgens im Mai taucht Ōhara Tetsu, Mitte fünfzig, ein Salaryman – so die in Japan übliche Bezeichnung für einen männlichen Angestellten – das erste Mal im Park auf. Er setzt sich auf die Bank Hiro gegenüber, ohne von ihm Notiz zu nehmen. Tetsu wird Hiros Anwesenheit registrieren, nach einigen Tagen werden sie sich zur Begrüßung stumm zunicken. Als nächsten Schritt in der Annäherung wird sich Tetsu zu Hiro auf die Bank setzen und von seinen Problemen zu erzählen beginnen. Mit einer Offenheit, wie man sie vielleicht nur Fremden gegenüber hat, hilft der Ältere dem Jüngeren sein Schweigen zu überwinden und von seinen Geheimnissen zu sprechen. Am Ende wird jeder für sich klarer sehen. Der Roman wird von seinem Ende her, aus Hiros Sicht erzählt, die Ereignisse der vergangenen Monate erinnernd.

Mit Sätzen, die sich einprägen und noch lange nachhallen, erlangen wir einen Einblick in die Gefühlswelt zweier Menschen aus einer uns oft fremd anmutenden Kultur. Ein kurzer großer Roman, dessen Lektüre garantiert lohnt.

Empfohlen von Ralph Wagner