Vaddey Ratner

Im Schatten des Banyanbaums


Aus dem Englischen von Stephanie von Harrach

Roman, Unionsverlag 2014, 381 Seiten, 21,95 Euro

 

 

 

Am 17.4.1975 eroberten die "Roten Khmer" die kambodschanische Hauptstad Phnom Penh. Damit beendeten sie einen langjährigen Bürgerkrieg und proklamierten das "Demokratische Kampuchea". Unverzüglich begannen sie unter ihrem Führer Pol Pot damit, das Land nach ihren Vorstellungen umzugestalten - mit ungeahnten Konsequenzen und unvorstellbarer Gewalt. Um ihr Ziel zu verwirklichen, einen kommunistischen Agrarstaat ohne Geld und persönliches Eigentum, wurde die gesamte Bevölkerung Phnom Penhs innerhalb weniger Tage aus der Stadt vertrieben. Familien wurden systematisch auseinandergerissen, Beamtenschaft und Polizei, Akademiker, Intellektuelle und der buddhistische Klerus gnadenlos verfolgt, gefoltert und ermordet. Alle Menschen, die aus Sicht der Roten Khmer die alte Ordnung repräsentierten und nicht bereit waren, sich für die Verwirklichung der revolutionären Ziele den neuen Machthabern zur Verfügung zu stellen, wurden getötet. Städte wurden entvölkert, Verwaltungsgebäude, Schulen, Krankenhäuser und Tempel zerstört. Die Gewaltherrschaft der Roten Khmer dauerte bloß 4 Jahre und kostete nach Schätzungen nahezu 2 Millionen Menschen ihr Leben. Sie wurden Opfer der "Killing Fields", starben an unmenschlichen Bedingungen in den Arbeitslagern, verhungerten, wurden willkürlich exekutiert oder starben, weil es keinerlei medizinische Versorgung mehr gab.

Opferzahlen allein sind abstrakt. Das Grauen der begangenen Verbrechen, das erlittene Leid jedes Einzelnen, die Tragödie eines ganzen Volkes, das um ein Drittel seiner Menschen beraubt wurde, dies alles zu erfassen, gelingt nur in empathischen Schilderungen von Einzelschicksalen und individuellen Erinnerungen. Vaddey Ratners Roman "Im Schatten des Banyanbaums" ist ein Beispiel. Es ist ein gleichzeitig todtrauriges und poetisches Buch. Die Geschichte, die in wesentlichen Zügen ihre eigene ist, so erklärt die Autorin in einem kurzen, deshalb aber nicht weniger aufschlussreichen Nachwort, wird uns durch das Mädchen Raami erzählt. Die kindliche Erzählperspektive sorgt für eine besondere Eindringlichkeit des Textes. Der unverstellte Blick auf furchtbare Geschehnisse und ihre nüchternen Schilderungen stehen in seltsamem Kontrast mit wunderschönen Naturbeschreibungen. Ein Kind versucht zu verstehen, was auch Erwachsene nicht begreifen können. Mit Phantasie und den Erinnerungen an ihren geliebten Vater, aus denen Raami Kraft schöpft, schafft sie es, Leid und die Strapazen zu ertragen und alles zu überleben.

"Im Schatten des Banyanbaums" ist eine grausame Geschichte, die in wunderschönen Worten erzählt wird, eine Geschichte über menschliche Stärke und Leidensfähigkeit, über Mitgefühl und Überlebenswillen. Vaddey Ratner, deren vollständiger Name Neak Ang Mechas Ksatrey Sisowath Ratner Ayuravann Vaddey lautet, ist Spross der königlichen Familie Sinowath I. Fast ihre gesamte Familie wurde durch die Roten Khmer ausgelöscht. Die Autorin hat mit dem Schreiben dieses herausragenden Buches Großes geleistet, denn sie hat höchstwahrscheinlich nicht nur sich selbst von einigen Dämonen der Vergangenheit befreit, sondern auch für alle Opfer der unglaublichen Verbrechen der Roten Khmer ein literarisches Mahnmal geschaffen.

 

Empfohlen von Ralph Wagner